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Storytelling Blog

Grandiose Konflikte: Die Geheimwaffe guter Storyteller

2005 Fox Broad­cas­ting Com­pany
Credit: Jamie Trublood/FOX

Andreas ver­lässt mit sei­ner Gelieb­ten genau in dem Moment das Hotel, als seine Frau daran vor­bei­fährt. Lisa wird schwan­ger und erfährt kurze Zeit spä­ter, dass sie Brust­krebs hat. Frank lügt seine Mut­ter an, doch sein Bru­der ver­rät ihr die Wahrheit.

Das Wort „Kon­flikt“ lei­tet sich vom latei­ni­schen con­f­li­gere = zusam­men­tref­fen, kämp­fen ab. Im rea­len Leben sind dass die Momente, in denen etwas unkon­trol­liert auf uns zurast – etwas, das wir nicht steu­ern kön­nen. Meist ent­steht dann ein Drama. Sel­te­ner durch Bevor­tei­lung und Wen­dun­gen, die unser Leben berei­chern und unse­ren Sta­tus ver­bes­sern. Weit­aus häu­fi­ger durch Benach­tei­li­gun­gen. Die­ser Moment der Über­ra­schung ist eines der schöns­ten und viel­fäl­tigs­ten Motive in der Erzählkunst.

Auf einer zwei­ten Ebene wird spä­ter oft deut­lich: Gut, dass das pas­siert ist, denn dadurch sind not­wen­dige Ent­wick­lun­gen aus­ge­löst wor­den. Der Über­ra­schungs­mo­ment wirkt also als Trig­ger für eine Wei­ter­ent­wick­lung. Span­nend wird es, wenn man nach dem Paradoxon-Prinzip vor­geht und einen Kon­flikt über sein Gegen­teil defi­niert: die Erwart­bar­keit. Sobald etwas erwart­bar ist, gibt es keine Sta­tus­wech­sel, keine dra­ma­ti­sche Wippe, keine Umwen­dung in der Geschichte und kei­nen Todes­mo­ment, der eine Szene im phy­si­ka­li­schen oder meta­pho­ri­schen Sinn wirk­lich dreht. Mit ande­ren Wor­ten: Wir lang­wei­len uns und schla­fen fast ein.

Beim dra­ma­ti­schen Erzäh­len, wel­ches in Ame­rika meist mit Hegel in Ver­bin­dung gebracht wird, läuft das ganz anders. Jemand hegt eine Inten­tion oder nimmt eine Hand­lung vor, die auf Gegen­wehr stößt. Genau in dem Moment zwi­schen Hand­lung und Gegen­hand­lung ent­zün­den sich Konflikte.

In der heu­ti­gen Zeit, wo der Qua­li­täts­jour­na­lis­mus abnimmt und wir in einem Dschun­gel deskrip­ti­ven und addi­ti­ven Erzäh­lens gefan­gen sind, lang­wei­len wir uns mit Berich­ten zu Tode. Dass der Kon­flikt das Kern­ele­ment jeder Szene sein muss, scheint für Hol­ly­wood zu gel­ten – und nur sel­ten für unsere täg­li­chen Gebrauchs­texte. Also neh­men wir uns heute mal ein Bei­spiel an denen, die den Umgang mit Kon­flik­ten meis­ter­lich beherr­schen: den Dia­log­au­to­ren der Serie Dr. House.

Dr. House und Lisa Cuddy pfle­gen eine Hass­liebe, die funk­tio­nie­ren muss, weil sie in einem Kran­ken­haus zusam­men arbei­ten und fachlich-hierarchisch von­ein­an­der abhän­gen. Dass sie sich gleich­zei­tig sehr von­ein­an­der ange­zo­gen füh­len, wür­den sie nie­mals zuge­ben. Aber uns Zuschau­ern macht es einen Hei­den­spaß immer wie­der zu sehen, wie der Kon­flikt von Macht­ge­ran­gel und Lüs­tern­heit in jedem ihrer Dia­loge aufbricht.

 

Dr. Cuddy: Pay atten­tion to me!

Dr. House: Sorry, that would make it har­der to ignore you.

 

Dr. Cuddy: Do you have anything to add to this debate?

Dr. House: Wilson’s right. Foreman’s wrong. Your shirt is way too revea­ling for the office.

 

Dr. Cuddy: I need you to wear your lab coat.

Dr. House: I need two days of outra­ge­ous sex with someone obs­cen­ely youn­ger than you. Like half your age.

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Wie man erfolgreiche TV-Formate am Reißbrett planen kann

Über­all wird er beschrien — der Tod der Cas­ting­for­mate. Dabei wäre das ganz leicht zu ändern. Denn immer wenn ein Ent­schei­dungs­kampf den nächs­ten jagt, ist Fern­se­hen erfolg­reich. Klar, dass die Audi­tion­phase von Cas­ting­for­ma­ten aus die­sem Grund über­durch­schnitt­lich gut läuft — eben weil eine Audi­tion eine Hel­den­reise in ver­kürz­ter Form ist. Anstatt der kom­plet­ten 12 Stu­fen, gibt es noch genau eine: den Ent­schei­dungs­kampf (Stufe 8).

The Voice of Ger­many hat sich genau das zu Nutze gemacht und noch einen drauf­ge­setzt. Bei den Audi­tions sehen wir erst den Ent­schei­dungs­kampf des Sän­gers und direkt danach den Ent­schei­dungs­kampf jedes ein­zel­nen Jury­mit­glieds. Denn die müs­sen jetzt aktiv um die Kan­di­da­ten wer­ben, um sie für ihr Team zu gewin­nen. Getoppt wird das ganze durch die abschlie­ßende Ent­schei­dung, die beim Sän­ger liegt — er wählt sei­nen Men­tor selbst aus.

Schnell auf­ein­an­der­fol­gende Ent­schei­dungs­kämpfe sind auch der Schlüs­sel erfolg­rei­cher Game­shows wie “Wer wird Mil­lio­när?”. Jede Frage ein Ent­schei­dungs­kampf, jede Ant­wort eine Chance auf Sta­tus­zu­ge­winn. Aber warum sind dann die Nach­ah­mer­shows, die WWM kopie­ren, nicht genauso erfolg­reich? Weil ihre Pro­duk­ti­ons­qua­li­tät nicht gleich hoch ist, der Zuschauer Qua­li­tät aber in einer Umschalt­se­kunde wahr­nimmt und des­halb hän­gen bleibt — oder eben nicht.

Neh­men wir mal die Musik bei “Wer wird Mil­lio­när?”. Das Vater-und-Sohn Kom­po­nis­ten­team Keith und Matthew Stra­chan hat die Musik zur Show geschrie­ben. Ihr Auf­trag war es, Musik zu kom­po­nie­ren, die eine Stim­mung erzeugt und Span­nung pro­du­ziert. Sie ent­schlos­sen sich, das Pro­jekt anzu­ge­hen, als wür­den sie Film­mu­sik schrei­ben — damals für Game­shows ein völ­lig neuer Ansatz. Nach­dem die Musik fer­tig war, hat­ten sie die Idee, sie bei jeder Frage um einen Halb­ton anzu­he­ben, um im Laufe des Spiels mehr Span­nung zu erzeu­gen. Die Musik ist mehr­fach aus­ge­zeich­net wor­den und hat einen völ­lig neuen Stan­dard für die musi­ka­li­sche Unter­ma­lung von Shows gesetzt.

Oder neh­men wir die Beleuch­tung: Es gibt für die Moving Lights an der Decke genauso wie für die übrige Beleuch­tung am Set für jede Span­nungs­stufe extra Ein­stel­lun­gen. So wer­den Stim­mung und gespannte Erwar­tung der Kan­di­da­ten und Zuschauer per­fekt unter­stützt — im vor­pro­gram­mier­ba­ren Modus.

Man­che Cas­ting­for­mate sind genau des­halb nicht erfolg­reich, weil die Stei­ge­rung von Ent­schei­dung zu Ent­schei­dung fehlt. Noch ein Foto­shoo­ting, noch eine Reise, noch eine Chal­lenge. Die Stei­ge­rung kann dann nur noch im dar­wi­nis­ti­schen “Sur­vi­val of the fit­test” lie­gen — aber um da mit­zu­fie­bern, muss ich emo­tio­nal bereits an die Teil­neh­me­rin­nen gebun­den sein. Und das ist in der dies­jäh­ri­gen GNTM Staf­fel eher schwie­rig. Kein Wun­der, dass die letzte Folge, in der eine Teil­neh­me­rin zugibt, dass sie mal an der Stange in einem Strip­club getanzt hat, eine bes­sere Quote ein­fährt. Da tat sie einem doch irgend­wie leid, die Sara — und war mal nicht nur sexy, son­dern auch menschlich.

Erschwe­rend dazu kommt: unsere Seh­ge­wohn­hei­ten sind anders gewor­den. Kein Mensch hat Lust, DSDS zu schauen, wenn die Ent­schei­dung erst spät in der Nacht fällt und die Span­nung eher künst­lich auf­recht erhal­ten wird. Sich durch schlechte Auf­tritte von Tee­nies zu quä­len, macht auch des­halb kei­nen Sinn mehr, weil alle Clips mor­gens bei youtube lau­fen und ich an den Ratings sehen kann, ob sich das Anschauen über­haupt lohnt.

Last but not least zei­gen die Quo­ten bei The Voice of Ger­many ganz klar, wie Zuschauer auf For­mate rea­gie­ren, wenn Stufe 8 auf Stufe 8 auf Stufe 8 folgt. Die letzte Blind Audi­tion (erste Kurve in der Gra­fik von Quo­ten­me­ter) fährt genau des­halb die beste Quote ein, weil die Zuschauer Ent­schei­dungs­kämpfe lie­ben. Auch die Batt­les (zweite Kurve in der Gra­fik von Quo­ten­me­ter) lau­fen noch auf einem guten Niveau. Und dann kom­men die Live­shows und alles sackt ab. Die Sen­dun­gen und ihre Abfolge (Ver­tei­lung der Songs, Coa­ching, Auf­tritt, Abstim­mung) wer­den vor­her­sag­bar. Der Zuschauer will viele “8er”. Momen­tan ist bei “The Voice” der für den Zuschauer rele­van­teste Ent­schei­dungs­kampf mit dem ers­ten Auf­tritt abge­früh­stückt. Das könnte man ändern, wenn man die Sän­ge­rin­nen und Sän­ger end­lich durch­gän­gig eige­nes Mate­rial vor­tra­gen ließe. Sie wür­den sich in jeder Show mit ihrer authen­ti­schen Stimme bewei­sen müs­sen – jedes Mal aufs Neue. Das wäre 360 Grad Sto­ry­tel­ling, das wären Men­schen, die sich “aus­er­zäh­len” und jedes­mal aufs Ganze gehen. DAS wäre eine Cas­ting­show nach mei­nem Geschmack.

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Wie man einen Film mit Storytelling aufwertet

Wer erin­nert sich nicht gerne an die Som­mer sei­ner Kind­heit? Nackte Füße auf son­nen­war­men Plat­ten­we­gen und das Gefühl von Frei­heit, wenn einem beim Fahr­rad­fah­ren der Wind um die Nase weht. Der Geruch von Würst­chen, die auf dem Grill brut­zeln. Und das Gefühl, sich nach dem Bad im See in ein flau­schi­ges Hand­tuch einzukuscheln.

Als mir der Wer­be­film für die Marke GANT, Home Collec­tion in die Hände fiel, dachte ich: end­lich mal ein gutes Bei­spiel für gelun­ge­nes Sto­ry­tel­ling in einem Wer­be­film. Denn einen Film mit Sto­ry­tel­ling auf­zu­wer­ten, ist viel­schich­ti­ger, als man mei­nen könnte. Da geht es nicht nur um eine gut erzählte Geschichte. Die Wir­kung eines Films hängt von vie­len Stell­schrau­ben ab. Cas­ting, Requi­site,  Loca­tion. Mini­hand­lun­gen, Span­nungs­bo­gen, Ver­mitt­lung eines Wer­te­ka­nons. Musik­aus­wahl, Schnitt, visu­elle Effekte. Just to name a few.

Einige youtube-User haben den GANT-Film mit dem Satz “So möchte ich auch leben.” kom­men­tiert. Eine so starke Iden­ti­fi­ka­tion mit einem Erzähl­pro­dukt (und letzt­lich auch mit einer Marke) kann man nur über Sto­ry­tel­ling errei­chen. Also schauen wir uns mal genau an, wie die Pro­du­cer das gemacht haben.

Der höchste Sta­tus, den wir Men­schen errei­chen kön­nen, ist Frei­heit. Des­halb beginnt der Film mit einer Ori­en­tie­rung, die genau das ver­spricht. Ein fan­tas­ti­sches Haus in einer Urlaubs­lo­ca­tion mit Men­schen, die aus der “Königs­fa­mi­lie Ame­ri­kas” stam­men, den Ken­ne­dys. Doch wenn man genau hin­schaut, geht es um viel mehr, als nur diese Geschichte. GANT schafft es, dass JEDES EINZELNE DETAIL, jede Mini­hand­lung den Wert der Marke auffüllt.

GANT steht für Tra­di­tons­be­wusst­sein — also geht der Vater mit dem Sohn schwim­men, angeln, umarmt seine Toch­ter, fährt mit den Kin­dern mit dem Boot raus. Wir erle­ben, wie der Vater sei­nen Kin­dern Werte ver­mit­telt und zur Seite steht. Die Kin­der strei­chen sogar die Boh­len des Decks — so früh ler­nen sie, einen Teil der Wert­er­hal­tung und Ver­ant­wor­tung für die Fami­lie mit zu über­neh­men. Selbst das Boot dür­fen sie steu­ern — wenn auch das Fami­li­en­ober­haupt noch ganz vorne steht und den Über­blick behält. Zuhause ste­hen über­all Bil­der­rah­men mit Bil­dern der Fami­lie. Die Kis­sen haben gestickte Mono­gramme. Die Bücher sind mit Leder ein­ge­bun­den. Die Liste ist endlos.

GANT steht für Lebens­freude und Unab­hän­gig­keit. Wir erle­ben die Fami­lie in ihrer Frei­zeit. Geld scheint keine Rolle zu spie­len. Alles ist spie­le­risch — die Jun­gen sprin­gen auf den Dächern umher, machen Salti vom Deck und gra­ben mit dem Hund im Sand. Selbst das wohl­er­zo­gene Mäd­chen schmeißt am Ende eine Wein­traube in die Luft und ver­sucht, sie mit dem Mund auf­zu­schnap­pen. Alles Mini­hand­lun­gen, die sym­pa­thisch machen und unbe­schwert wirken.

Inter­es­san­tes Detail: Die Requi­site hat im gan­zen Haus Zei­tun­gen plat­ziert, die so aus­se­hen, als hätte sie jemand gele­sen — und zwar Sparte für Sparte. Die ein­zel­nen Zei­tungs­teile sind dann wie­der auf­ge­fal­ten und auf­ein­an­der gelegt. Das ver­mit­telt den Ein­druck, dass in die­sem Haus viel Zeit ist, um sich etwas Gutes zu tun und die Seele mal bau­meln zu lassen.

GANT steht für einen klassisch-sportlichen Stil und Natur­ver­bun­den­heit. Der Groß­teil des Films spielt Out­door. Die Män­ner tra­gen Polok­ra­gen, die Kis­sen haben Zopf­mus­ter, Karos und Strei­fen. Ses­sel mit Lei­nen­hus­sen, Baum­wolle, fri­sche Blu­men, Muscheln auf den Fensterbänken.

Visu­ell arbei­ten die Pro­du­cer mit einem Effekt, der eigent­lich aus der Stumm­film­zeit kommt. Die Hel­lig­keits­sprünge inner­halb der Bil­der erin­nern auch ein biss­chen an die Super-8 Filme der 70er Jahre — dadurch wird der Film leben­di­ger und authen­ti­scher. Weil die bewegte Hand­ka­mera aus einer erzäh­le­ri­schen Lieb­ha­ber­per­spek­tive beob­ach­tet, trig­gert sie Träume unse­rer eige­nen Kind­heit. Auch die Musik mit der akus­ti­schen Gitarre trägt zum Hoch­sta­tus­ge­fühl bei — sie wirkt trei­bend und fröh­lich. Und genau diese Mischung aus unter­schied­lichs­ten Ein­drü­cken, lässt uns den­ken: “Das will ich auch.”

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